Evangelische Kirchenmusik in Württemberg

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Pärt, Arvo: Einführung zur Johannespassion  - Werkeinführungen, Lexikon, Glossar, Erklärungen, Erläuterungen von Begriffen

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Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker stellen hier Konzerteinführungen aus ihren Programmheften zur Verfügung.
Wer sich mit eigenen Beiträgen beteiligen möchte ist gebeten, diese per Mail an den Verband zu schicken.
 
 
Kirchenmusik
 
Die Johannespassion von Arvo Pärt steht im Zentrum des heutigen Abends. Bezeichnend
für das Werk ist seine Schlichtheit. Das Werk steht in der Molltonart ohne Vorzeichen,
a-Moll, die vom Anfang bis fast zum Ende beibehalten wird. Aus dem Klang
des Beginns heraus werden Linien nach unten geführt, denn das Werk hat das Leiden
Christi zum Inhalt. Bevor eine Oktave als Ganzes im langsamen Tempo
durchschritten ist, bricht die Linie ab – oder stellt der erste Ton des Passionsberichts
die Auflösung dar? Es ist der Ton a0, Grundton des Werks. Von vielen Pausen
durchzogen, beginnt der Bericht einstimmig, nach und nach treten Instrumente und
Solostimmen hinzu bis zur maximalen Stimmenzahl von vier Solostimmen plus vier
Instrumenten. Bei der Achtstimmigkeit angelangt, wird die Stimmenzahl beim
Vortrag des Passionsberichts nach und nach wieder reduziert bis auf eine einzige
Stimme. Dieses Anwachsen und Abnehmen findet über die ganze Passion nach einem
genauen Plan vier mal in sehr langen Zeitabständen statt. Doch ist das keine bloße
„Technik“: Ein- und Achtstimmigkeit stehen in Beziehung zum Text! (Verrat,
Einsamkeit Jesu...) Danach singen die vier Solisten, die sich den Passionsbericht
teilen, den kurzen restlichen Bericht vierstimmig. Die Vierstimmigkeit ist aber nicht
mehr real bei den letzten Worten, denn alle vier singen einstimmig „Et inclinato
capite tradidit spiritum“. Hier endet der Passionsbericht und verzichtet auf die
Grablegung. Die Vertonung insgesamt ist jedoch auf Verzicht hin angelegt. Es gibt
keinen Choral, keine Arie wie bei J.S. Bach, auch keine anderen deutenden
Zusatztexte von aktuellen Schriftstellern, wie wir sie bei Passionen anderer Meister
vorfinden, sondern nur den reinen Bibeltext. Auch auf ein üppiges Instrumentarium
verzichtet der orthodoxe Christ Pärt, sondern begnügt sich nur mit Orgel und vier
Instrumenten. Und setzt auch diese nur spärlich ein. Dafür ist dem vokalen Vortrag
die Vorherrschaft eingeräumt. Zur ein- bis vierstimmig vorgetragenen Partie des
Erzählers, die Bach einem „Evangelisten“ anvertraute, kommt der Chor,
hauptsächlich zur Darstellung der Volksmenge. Es ist aber interessant, dass auch die
Leugnung des Petrus dem Chor übertragen wurde. Ist die Christus-Leugnung nicht
auch die Schuld Vieler? Auch der Menschen heute? Die Einwürfe des Chores stehen
während der gesamten Passion in E-Dur, der dominanten Ausweichtonart zu a-Moll.
Rede und Gegenrede sind so auf der Ebene der Tonarten klar geordnet. Um diese
Regelung zu untermauern, stehen sich bei unserer Aufführung die Sänger des
Evangelisten-Berichts und der Chor gegenüber. In der Mitte steht Jesus. Diese Partie
weist Pärt einer eigenen Bassstimme zu, also ganz traditionell. Fast alle seine
Einsätze beginnen auf e0, was der Partie einen schmerzlichen, weil in phrygischer
Tonart stehenden, Charakter verleiht. Jedes Mal ist seine Partie von der Orgel
begleitet und viel getragener und ruhiger als alle anderen Partien. - Mit der schlichten
Bitte „...miserere nobis“ (...erbarme dich unser) endet das Werk. Diese letzten Worte
zum Beschluss stehen im lichten D-Dur und bilden den Gegenpart zur Einleitung:
Die Bitte steigt, (Absteigende Linien am Anfang des Werks), durch Pausen gegliedert,
allmählich in sehr große Höhe und wird mit einem affektvollen „Amen“ bestätigt.
Thomas Astfalk
 
 

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