Erinnerungen an Helmuth Rilling (29. Mai 1933 – 11. Februar 2026)
von Ulrich Feige
Im Herbst 1979 kam ich als junger Kirchenmusiker aus Lübeck an die Musikhochschule Stuttgart, um hier das Aufbaustudium „A“ zu absolvieren. Es war für mich eine Zeit der kompletten Neuorientierung, alles war hier im Süden anders als ich es gewohnt war. Ich kam aus einer „Orgelstadt“ und hatte sehr schnell den Eindruck, dass ich nun in einer „Chorstadt“ gelandet war: Frieder Bernius, Dieter Kurz, Manfred Schreier, Helmuth Rilling und andere prägten die Stuttgarter Chorszene zu dieser Zeit. Im Mai 1980 veranstaltete die „Stuttgarter Konzertvereinigung e.V.“ (Vorgängerinstitution der „Internationalen Bach-Akademie“) einen Meisterkurs mit Helmuth Rilling zu Bachs h-Moll-Messe. Ich meldete mich an und hatte die erste Begegnung mit der Gächinger Kantorei, dem Bach-Collegium Stuttgart und Helmuth Rilling. Ich staunte nicht schlecht, mit welcher Präzision, Effizienz und welchem Gestaltungswillen da Musik gemacht wurde. Eine Begebenheit werde ich nie vergessen: Hornist Johannes Ritzkowsky spielte (nur während des Kurses) die Horn-Partie auf vier verschiedenen (Natur-) Hörnern, in jeder Pause der Quoniam-Arie wechselte er das Instrument, unglaublich! Gegen Ende des Kurses sang ich für die Gächinger Kantorei vor und war „drin“. Dass mein Chorsingen in diesem Ensemble 33 Jahre dauern sollte, konnte ich mir damals nicht vorstellen.
Die h-Moll-Messe war Helmuth Rillings Leib- und Magenstück. Sicher habe ich dieses Stück mehr als 50-mal mitgesungen. Als „Gächinger“ war man froh, wenn man dieses Stück beherrschte. Immer wieder kam es vor, dass jemand neues zum Ensemble dazustieß und es sehr kurzfristig lernen musste, das war höchst anspruchsvoll! Es gibt eine CD, auf der dokumentiert ist, wie sich die Interpretation der h-Moll-Messe unter Rillings Leitung über die Jahrzehnte verändert hat, hochinteressant!
Der Beginn der 80-er Jahre war geprägt durch die „Sommerakademien“. Es gab immer ein Thema, und zwar „Bach und…“ (z.B. Mozart, Haydn, Mendelssohn, Reger…). In 14 Tagen wurden jedes Jahr 10 Bach- Kantaten im Rilling -Format des Gesprächskonzerts aufgeführt, für jede(n) Mitwirkende(n) eine große Herausforderung, denn es gab dafür Zettel mit dem genauen Ablauf, immer mit anspruchsvollen Ein- und Ausstiegen in die jeweiligen Stücke. Höchste Konzentration war gefragt und alle bewunderten Helmuth Rilling, der diese Abläufe auswendig parat hatte.
An dieser Stelle etwas dazu, wie ich Rillings Umgang mit Chor und Orchester erlebt habe: er kannte jede(n) Orchestermusiker/in und jedes Chormitglied mit Namen. Der Umgang war partnerschaftlich- freundschaftlich und von großem gegenseitigem Respekt geprägt, man hat immer zusammen Musik gemacht, es ging um die Sache. Alle Proben (und davon gab es nie zu wenig) fand ich höchst effizient. Vor jedem Projekt hat man sich gefreut, bestimmte „Gächinger“ oder Bach-Collegiums-Mitglieder zu treffen und sich auszutauschen. Es war wie ein „Nach-Hause-Kommen“ in eine geschätzte und geliebte Familie. Ein besonderes Zusammenwachsen beider Ensembles gab es auf den zahlreichen Tourneen. Ich war in den USA (50 Jahre Gächinger Kantorei auf dem Oregon Bach -Festival), in Kanada, Japan, Südkorea, in ganz Europa und im Jahr 1984 auch in der DDR dabei. Außerdem kenne ich in den großen Städten Deutschlands jeden Konzertsaal.
Oft war ich bei den Israel- Tourneen dabei, die regelmäßig alle paar Jahre stattfanden, und zwar auf Einladung des Israel Philharmonic Orchestra. Es reisten nur die Gächinger (der Chor) an, und wir erarbeiteten vor Ort in Tel Aviv zwei Chor- und Orchesterprogramme, die dann etwa 10- mal aufgeführt wurden, immer in Tel Aviv, in Haifa und in Jerusalem. Großartige Erinnerungen, nicht nur an die Musik, sondern auch an Land und Leute! Sogar Bachs Matthäus -Passion haben wir dort aufgeführt und ich habe immer darauf gewartet, dass es im Konzert Unmutsäußerungen geben würde bei „Sein Blut komme über uns und unsre Kinder“. Später erfuhr ich, dass es im Vorfeld in Israel lebhafte Diskussionen gab, ob man dieses Stück aufführen soll oder lieber nicht (ähnlich wie bei Richard Wagner).
Im Jahr 1990 haben wir in der Stiftskirche Kaufungen/Nordhessen sämtliche Bach -Motetten in Bild und Ton aufgezeichnet, auf YouTube kann man das aufrufen. Wenn man das heute anhört, denkt man, das sei von Tempo und Tongebung her aus der Zeit gefallen. Aber wer „Fürchte dich nicht“ anhört, kann eine – aus meiner Sicht – sehr eloquente und besondere Textausdeutung erleben. Helmuth Rilling sagte zu mir: „Ulrich, wir
Kirchenmusiker dürfen uns diese Musik nicht von selbst ernannten Spezialisten aus der Hand nehmen lassen“. Unmittelbar im Anschluss ging es nach Berlin (nur der Chor), wo wir zusammen mit dem Chor des MDR und den Berliner Philharmonikern den Festakt zur Deutschen Einheit gestalteten, ein unvergessener historischer Moment. Programm war u.a. der Eingangschor der Bach -Kantate 110 „Unser Mund sei voll Lachens“ wo es heißt: „Der Herr hat Großes an uns getan…“ Ob so eine explizit christlich-kirchliche Botschaft zu so einem Anlass heute noch möglich wäre?
Der Abschied von Helmuth Rillings Wirken war für mich dann im Jahr 2013, als er als Leiter der Internationalen Bachakademie zurücktrat und den Taktstock an seinen Nachfolger Hans -Christoph Rademann übergab. Das letzte Stück unter Rillings Leitung, bei dem ich mitgewirkt habe, war das Verdi -Requiem mit dem Sinfonieorchester Basel, ein bewegender Abschluss einer langen Zeit, in der ich sämtliche gängigen und weniger gängigen Oratorien durchs Chorsingen und Zuhören und Notizen-Machen kennenlernen durfte, was für meine Kirchenmusiker-Tätigkeit von großer Bedeutung war. Ich empfand, dass Helmuth Rilling besondere Kompetenz für die Chor -und Orchesterwerke aus der Romantik hatte, unglaublich, wie er Mendelssohn, Schubert, Brahms, Bruckner, Reger und andere zum Klingen brachte und das alles immer mit großer Klarheit! Hans -Christoph Rademann schreibt auf der Homepage der Bachakademie: „Mir persönlich war er ein echter Lehrmeister, und ich konnte von ihm unglaublich viel lernen“. Dem kann ich mich in vollem Umfang anschließen.
An wen ich auch gerne erinnern möchte, ist Helmut Wolf, geb. 1939, der zwei Tage vor Helmuth Rilling nach schwerer Krankheit starb. Er war in den Jahren 1972 -1987 Bezirkskantor in Böblingen, und ich habe ihn als Nachbarkollegen von Herrenberg ab 1983 (meinem Dienstantritt dort) erlebt und geschätzt. Im Jahr 1987 wurde er Professor für Ensembleleitung an der Musikhochschule Stuttgart. Zuvor hatte er dort einen Lehrauftrag und ich gehörte zu seinen Schülern. Er sorgte dafür, dass Schul -und Kirchenmusiker/innen eine klare und eindeutige Zeichengebung vor Chor und Orchester lernen, eine Fähigkeit, die, auch und besonders jetzt in der Rückschau, für das Berufsleben von enormer Wichtigkeit war. Unvergessen die szenische Aufführung der Markus -Passion von J.S. Bach/Volker Bräutigam in der Inszenierung von Ernst Poettgen, eine Zusammenarbeit der Musikhochschule Stuttgart mit Kantorei und Collegium musicum der Stiftskirche Herrenberg! Kurz nach der Maueröffnung gab es nicht nur hier Konzerte, sondern auch in Leipzig und Dresden. Danke, Helmut Wolf!
KMD i.R. Ulrich Feige, Bezirkskantor in Herrenberg 1983 – 2021