Erinnerungen an Helmut Wolf
von Tobias Horn
Der Bitte, einige Erinnerungen an Helmut Wolf zu schreiben, komme ich gerne nach. Dies kann naturgemäß nur subjektiv und bruchstückhaft sein. Wer ihn besser oder anders gekannt hat, möge nachsichtig sein. Ich versuche, die Persönlichkeit Helmut Wolfs als Lehrer und Mensch in folgenden Aspekten zu charakterisieren.
Weitsichtig
Bemerkenswert ist zunächst, dass der in Schwäbisch Hall Geborene aus frommem Hause an das Kirchenmusikstudium eine Kapellmeisterausbildung anschloss und einschlug (Ulm, Oldenburg). Erst danach hat er als hauptamtlicher Kirchenmusiker und Kirchenmusikdirektor gearbeitet, um nach den vielen anschließenden Jahren als Professor für Orchesterleitung an der Stuttgarter Hochschule im Ruhestand als Organist an der Stuttgarter Erlöserkirche zu den Wurzeln zurückzukehren. Wer von uns könnte schon sagen, neben allen gängigen Werken der Kirchenmusik auch die Hauptwerke des klassischen Opern- und Orchesterrepertoires zu beherrschen, dazu das gesamte Bachsche Orgelwerk ebenso wie Alban Bergs Lulu oder Violinkonzert und schon früh viele erstklassige Werke abseits des gängigen Repertoires, besonders von Frauen (Hensel, Smyth, Boulanger). Dazu leitete er zahlreiche Uraufführungen.
Zielgerichtet
Sein Unterrichtsstil war effektiv, im besten Sinne handwerklich, auch autoritär. Wenn Helmut Wolf um die Ecke kam oder der Wolfsche Kleinwagen mit einer markanten 600er-Köchelverzeichnis-Nummer im Kennzeichen (war es Zauberflöte, Requiem oder Fantasie f-moll?) auf dem Hochschulparkplatz vorfuhr, konnte bei mir (und vermutlich auch bei anderen) der Adrenalinspiegel steigen. Welche Mitgift an Repertoirekenntnis, Schlagtechnik, Probeneffizienz und gelingender Probenplanung er in seinem Unterricht mitgegeben hat, konnte man spätestens in der eigenen aktiven Tätigkeit in der Kirchenmusik begreifen. Allzu eifrig-beflissene unter den Studenten mochte er nicht so sehr („Des war scho damals a Gscheitle“). Zusammen mit den ganz anderen Persönlichkeiten Dieter Kurz (Chorleitung) und dem damaligen evangelischen Abteilungsleiter Werner Jacob (Orgel) bildete er ein überaus günstiges (um nicht zu sagen kongeniales) Professoren-Trio von höchster pädagogisch-künstlerischer Kompetenz und Effizienz und mitunter auch hohem Unterhaltungswert in der Interaktion. Alle drei kamen wohlgemerkt aus der aktiven kirchenmusikalischen Praxis. „Groupies“ unter den Studenten brauchte er im Gegensatz zu anderen nicht.
Geradlinig
Helmut Wolf war direkt. Er sagte, was er dachte und wie er es meinte. Unbedingt „lieb“, nett oder bequem wollte er nicht sein. Damit musste man umgehen können, darin war er aber auch verlässlich und einschätzbar. Doch er konnte auch herzhaft über die eigenen Pannen und Fehler (und die anderer) lachen, sofern sie nicht der Nachlässigkeit, Faulheit oder Unfähigkeit geschuldet waren. Er hatte (phänomenales Gedächtnis) die Größe, ob sofort oder nach Jahrzehnten, um Entschuldigung bitten zu können („da habe ich Dich damals falsch eingeschätzt“).
Sensibel
Wie sensibel und emotional Helmut Wolf sein konnte, war nicht sofort zu ergründen. Manche „Künstler“-Typen etwa unter den Studenten oder Kollegen haben ihn darin wohl auch verkannt und einmal seinen Stil gar unverstanden als „unmusisch“ bezeichnet. In hohem Alter meinte er, im Finale von Mahlers Zweiter „zerfließen zu müssen“, weshalb er diese Musik auch meide. Die Lage von Welt, Kirche und Kirchenmusik beschäftigte ihn bis zuletzt, manches quälte ihn.
Gebildet Von seinen musikalischen Kenntnissen war oben bereits die Rede. Auch lang nach der Pensionierung konnte man ihm in den SWR-Abo-Konzerten oder in einem der deutschen Opernhäuser bei Wagner, Strauss oder Raritäten begegnen. Er kannte seine Bibel ebenso wie Wirken und Schaffen Bonhoeffers, Werfels oder Mörikes, um nur Beispiele zu nennen. In den „Sonntagsmusiken“ an der Stuttgarter Erlöserkirche konnte im Ruhestand noch einmal über Jahre der begnadete Programm-Gestalter und –Moderator, der er immer war, zum Zuge kommen. Hier hat er auch noch einmal die ihm so wichtige Erfüllung in musikalisch-theologischer Zusammenarbeit gefunden und tatsächlich einen regelrechten „Fan-Club“ generiert.
Zugewandt
Helmut Wolf war den Menschen und dem Leben zugewandt. Humorige und tiefgründige Briefe und Einladungen geben davon Zeugnis. Er hat fast bis zuletzt Kontakt zu einem kleineren Kreis früherer Studenten gepflegt, war väterlicher Freund und hat immer am beruflichen und persönlichen Wohlergehen („Sag mir zuerst: Gedeiht Dein Bub?“) teilgenommen, konnte auch überraschend einmal in einer Oratorienprobe oder einem Konzert in der Nähe oder Ferne auftauchen. Unzählige Kirchen- und SchulmusikerInnen, KMDs, GMDs, Professoren und Lehrbeauftragte, ZuhörerInnen und MusikerInnen haben dem Musiker, Lehrer und Menschen Helmut Wolf viel zu verdanken!